18/03/2020

FRAUEN REDEN ANDERS – MÄNNER AUCH

Das Thema Konfliktmanagement wird im interdisziplinären Modul “Kommunikation” behandelt. Passenderweise fügt die Tutorin und Dozentin Sigrid Zegelman von der APOLLON University of Health Economics im folgenden Text die Fallstricke bei der Kommunikation zwischen Männern und Frauen oder zwischen Menschen mit mehr weiblichen oder mehr männlichen Verhaltensmustern hinzu. Dieses Wissen ist sowohl im Alltag als auch bei der Arbeit sehr hilfreich.

Typische Frau, typischer Mann ...

Es gibt keine typischen Frauen und typischen Männer. Weibliche oder männliche Verhaltensmuster und Verhaltensweisen in unterschiedlichem Ausmaß tun dies - und sie können sowohl im Privatleben als auch im Beruf Probleme verursachen. Wenn weibliche und männliche Kommunikationsarten zusammenkommen, sind Missverständnisse normalerweise unvermeidlich.   Weil Frauen und Männer - oder genauer gesagt: Menschen mit mehr weiblichen oder mehr männlichen Verhaltenstendenzen - sich häufig missverstehen, weil sie unterschiedliche Kommunikationsmuster beibehalten. Es lohnt sich, diese Unterschiede genauer zu betrachten und zu lernen, nicht nur die Sprache des anderen besser zu verstehen - in Kommunikation und Verhalten, sondern auch die Grundlagen selbst zu beherrschen.

Frauen sind zurückhaltend höflich - Männer oft sehr direkt ihrer Ausdrucksweise

Wenn Frauen mit jemanden reden wollen und ihre Emotionen austauschen, dient das in den meisten Situationen nicht der Lösung von Problemen, sondern der Versicherung von Beziehungen[1]. Sie benutzen gerne indirekte Sprachmuster. Statt sich klar zu artikulieren bevorzugen sie Konjunktive in der Kommunikation während Männer diesen missverstehen. „Wäre es Ihnen möglich, mir die Unterlagen heute noch vorbei zu bringen?“. Für viele Frauen ist das eine höflich gestellte Frage. Für die meisten Männer heißt das jedoch: „Ich brauche die Unterlagen nicht unbedingt heute. Es geht auch morgen noch.“

Für männliche Kommunikationspartner ist diese Art der Kommunikation Ausdruck von Unentschlossenheit oder gar unsicherem Verhalten, weil sie sich selbst in der Regel direkt und ohne Beschönigungen sprachlich äußern[2]. Sie wollen durch Gespräche analysieren und Unstimmigkeiten aus der Welt schaffen. Frauen kommunizieren bevorzugt auf der Beziehungsebene, also emotional, während Männer in der Regel die Sachebene präferieren.

Wortreichtum der Frauen - Missverständnis durch Sprachgewandtheit

Laut Christine Mudlak, Kommunikationstrainerin und Autorin, bevorzugen Frauen tendenziell eine wortreichere Kommunikation. Sie verwenden mehr Nebensätze, liefern mehr Informationen, nutzen vermehrt grammatikalische Variationen und haben einen komplexeren Satzbau sowie einen wesentlich breitgefächerten aktiven Wortschatz. Je mehr sich eine Frau durch ihre Sprachgewandtheit hervorhebt, desto geringer sind ihre Chancen, sich in einer männerdominierten Umgebung verständlich zu machen. Viele männliche Gesprächspartner werten eine zu detaillierte blumige Sprache und Umwege im Denken als Unsicherheit. Für Männer ist das Konzentrieren auf die eigentliche Sache gleichzusetzen mit Erfolgsdenken und konstruktiver Lösungsfindung. Dadurch werden wichtige und entscheidende Beiträge von Frauen oft einfach überhört.

Frauen drücken sich, abgesehen vom Konjunktiv, oft viel vorsichtiger aus. Sie verwenden, laut Mudlak, mehr Weichmacher wie „vielleicht“, „wahrscheinlich“ und „eventuell“ und reden von „ich und mich“, um Verallgemeinerungen zu vermeiden und werden deshalb oft als zu emotional wahrgenommen. Sie gehen mit sich sehr selbstkritisch um, bevor sie ihre Meinung äußern. In der männlichen Kommunikation finden sich dagegen bestimmte Artikel wie „der“ oder „diese“ häufiger. Damit wollen sie verdeutlichen, dass ihre Aufmerksamkeit lösungsorientiert ausgerichtet ist. Sie sprechen konkret über Dinge und Fakten. Das erhöht ihre Überzeugungskraft.

Hinzu kommt, dass bei Frauen das Redetempo schneller ist und der Redefluss weniger Pausen enthält als bei Männern. Das schnellere Reden wird zwar häufig als dynamisch empfunden, jedoch kann der Eindruck entstehen, dass die Sprecherin ein unangenehmes Gespräch schnellstmöglich beenden möchte. Auch das kann als ein Zeichen der Unsicherheit gewertet werden.

Frauen und Männer - Paraverbale Gegensätze?

In der Art des Sprechens unterscheiden sich Frauen und Männer. Die paraverbale Kommunikation beinhaltet unter anderem Tonfall, Stimme wie auch die Sprechgeschwindigkeit.

Auch gibt es deutliche Unterschiede in der Lautstärke des Redens. Einer dunklen, warmen und kräftigen Stimme schreibt man in der Regel Kompetenz zu und sie wirkt beruhigend – ein klarer Nachteil für Frauen, da sie in der Regel eine höhere Stimme haben. Frauen sprechen häufig leiser als Männer und werden deshalb oftmals überhört. Die höhere Frequenz der weiblichen Stimmlage wird sogar manchmal als schrill und damit auch als unangenehm empfunden.

Das macht sich besonders in Konfliktsituationen bemerkbar. Aufregung und Anspannung führen zu einer unterwürfigen Körperhaltung, die Folge ist eine flachere Atmung. Stimmklang und Stimme werden noch leiser und damit wird weniger Kompetenz ausgestrahlt. Im Gegensatz dazu verändern Männer bei Anspannung, Ärger oder in kritischen Situationen unbewusst ihre Körperhaltung und richten sich auf. Der Brustraum ist somit vergrößert und sie haben mehr Luft für ihre Stimme zur Verfügung, diese wird dann lauter und durchdringender.

Du hörst mir nie zu!

Auch in der Art des Zuhörens unterscheiden sich Frauen und Männer voneinander. Frauen hören hörbar zu. Sie nehmen am Gespräch aktiv teil und tauschen im Dialog Emotionen aus. Sie signalisieren ihre Aufmerksamkeit zusätzlich durch Nicken und geben verbale Rückmeldung durch Worte, wie „aha“, „hmh“, „oh nein“, „ja ja“ und „echt?“.

Der Mann ist dagegen eher der geräuschlose Zuhörer. Außerdem schweifen und lenken sie rascher ab. Ihre Aufmerksamkeitsspanne beim „Aktiven zuhören“ ist deutlich geringer. Eine Frau interpretiert die fehlende Rückmeldung auf das Gesagte unter Umständen als grundsätzliches Desinteresse und reagiert mit Anpassung oder Ausstieg.

Auch hier spielen die unterschiedlichen Kommunikationsebenen, hervorragend dargestellt im Kommunikationsmodell von Schulz von Thun[3], eine entscheidende Rolle. Die Frau verbindet in der Regel in der Kommunikation ihre Bedürfnisse mit ihrer Gefühlswelt, während der Mann den reinen Sachinhalt der Botschaft wahrnimmt und hört. Männer sind bei Zuhören eher auf den Inhalt fixiert, um Problemlösungsansätze zu finden, während Frauen sich eher auf die Beziehungsebene begeben[4].

Warum reden wir nicht?

Eine weitere Gefahr von Missverständnissen liegt im Umgang mit dem Schweigen. Für Männer kann Schweigen Ausdruck tiefster Verbundenheit sein, während Frauen enge Verbundenheit eher im Reden und sich Mitteilen ausdrücken und herstellen wollen. Sie empfinden schweigende Männer als distanziert und möglicherweise sogar als bedrohlich. Eine schweigende Frau hingegen will sich mitteilen, sie schweigt oft aus taktischen Gründen. Männer stimmen oft stillschweigend zu[5] und empfinden Frauen, die das Schweigen offenbar nicht „aushalten“ als unsicher, nervig und störend. Wenn Männer Probleme haben, regeln sie diese lieber allein und wollen nicht darüber sprechen. Sie wollen „schweigend“ mit ihren Problemen fertig werden[6].

„Wer sich selbst versteht kommuniziert besser!“

Wie aber lässt sich jetzt die Kommunikation zwischen den Geschlechtern verbessern?

Sollen Frauen mehr „männlich“ kommunizieren lernen? Sollen Männer ihre Kommunikation auf „Frauensprache“ umstellen?

Eine Möglichkeit bietet sich vor allem in der Aufmerksamkeit und Akzeptanz gegenüber dem eigenen Kommunikationsverhalten, wie auch den Kommunikationsgewohnheiten des anderen. Es ist wichtig, bestimmte Aspekte in der Art der Kommunikation, die immer wieder zu Missverständnissen und unangenehmen Reaktionen führen, zu reflektieren und dementsprechend sein Kommunikationsverhalten anzupassen oder zu verändern.

Die Änderung von Sprechweise oder Gestik, Mimik und Körperhaltung alleine sind aber nicht ausschlaggebend, sondern der Kommunikationsstil muss auch immer im Sinne der Person authentisch sein. Das bedeutet, dass die innere Einstellung und Verfassung überdacht und gegebenenfalls verändernd werden muss. Das führt im besten Fall zu einer nachhaltigen, erkennbaren Modifikation der Stimme, Sprechweise und nonverbalen Kommunikation.

Zu Sigrid Zegelman:

Sigrid Zegelman, Diplom Pädagogin, geprüfter Coach, Fachkrankenschwester für den Operationsdienst. Selbstständiger Coach und Kommunikationstraining in Frankfurt/Main, Praxis SZ Coaching und Training. Innerbetriebliche und überregionale Dozententätigkeit im Bereich Kommunikation und Zeitmanagement an Kliniken.

Seit 2012 Tutorin und Dozententätigkeit an der APOLLON Hochschule im Bereich Kommunikation und Dozententätigkeit an der Hochschule im Bereich Kommunikation

  • Ausbildung zur Krankenschwester (1982-85)
  • Weiterbildung zur Fachkrankenschwester Operationsdienst (1987-89)
  • Studium der Erziehungswissenschaften Schwerpunkt Erwachsenenbildung und außerschulische Jugendbildung an der Universität Frankfurt/Main (2000-2004)
  • Fernstudium Coaching und Moderation am Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung an der Universität Bielefeld (2006-2008)
  • Dozentin an der Aesculap Akademie Tuttlingen und Bochum
  • Lehrauftrag an der FH Frankfurt/Main im Bereich Pflege
  • Lehrauftrag an der European Management School Mainz im Bereich Kommunikation/Teamentwicklung
  • Teamcoaching in verschiedenen Unternehmen

Quellenangabe:

  • Christine Burbach, Heike Schlottau (Hrsg.): Abenteuer Fairness, ein Arbeitsbuch zum Gender-Training, Vandenhoeck&Ruprecht,2001
  • Deborah Tannen: Du kannst mich einfach nicht verstehen! Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden, Goldmann-Verlag,1998
  • Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden 1, Störungen und Klärungen, Rowohlt Verlag 1996
  • Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden 2, Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung, Rowohlt Verlag 2010
  • John Gray: Männer sind anders, Frauen auch, Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus, Goldmann-Verlag 1998
  • Katrin Oppermann / Erika Weber: Frauensprache Männersprache,  Die verschiedenen Kommunikationsstile von Männern und Frauen,Orell Füsseli Management 1995
  • https://metatheorie-der-veraenderung.info/wp-content/uploads/2015/06/Gender-Communication-Der-unbekannte-Unterschied.pdf

  • [1] cf. Deborah Tannen p. 79
  • [2] see Katrin Oppermann / Erika Weber, p.27
  • [3] See Schulz von Thun
  • [4] cf. Burbach, Schlottau p.14
  • [5] see Katrin Oppermann / Erika Weber p.27
  • [6] see John Gray p.88