22/03/2021

EINLADUNG ZU KLEINEN GELASSENHEITS-ÜBUNGEN

Gelassenheit ist wohl etwas, dass sich insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie viele Menschen sehnlichst wünschen. Nicht mehr so reinstressen, weniger provozieren lassen, nicht mehr überreagieren, erst durchatmen und aus der Ruhe heraus agieren, anstatt automatisch und unmittelbar zu reagieren und es vielleicht schon kurz danach zu bereuen – und endlich mal weniger Multitasking… Es gibt so viele Situationen im Alltag, in denen man von Gelassenheit profitiert. Aber woher soll man sie nehmen?

Melanie Netzer, Psychologin und Lehrende an der APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft, lädt zu kleinen Übungen ein, mit der sich Gelassenheit im Alltag „trainieren“ lässt. Trainieren stimmt hier nur bedingt, denn dieses Wort ist für Viele mit Anstrengung assoziiert. Vielleicht müsste man also sagen, dass man sich mittels kleiner Impulse, Rituale und Übungen das in der Zukunft liegende große Ziel der Gelassenheit heranzoomen kann, indem man die ersehnte Gelassenheit in der Gegenwart im Kleinen bereits (er)lebt.

Mit der Gelassenheit ist es ähnlich wie mit dem Glück. Gelassenheit ist weniger das Ziel als vielmehr der Weg. Gelassenheit ist – genau wie Glück – etwas, für das man sich jeden Tag aufs Neue bewusst entscheidet und das man im Alltag lebt. Erst einmal im Kleinen und dann irgendwann vielleicht auch im großen Stil. Gelassenheit soll kein Ideal bleiben, dem man hinterherrennt, sondern soll etwas sein, das ganz unspektakulär, ganz still und leise in kleinen Facetten immer wieder einmal in den Alltag integriert wird. Wie soll das gehen?

Ein guter Anfang kann darin bestehen, eigene Bedürfnisse zu achten, zu befriedigen und Genuss zu praktizieren. Zu diesem wertschätzenden, fürsorglichen Umgang mit sich selbst, passt es gut, sich jeden Tag bewusst Gutes zu tun und eigene Ressourcen bewusst zu nutzen. Dabei geht es nicht um riesige Events, sondern um das kleine Alltagsglück in Form eines Lieblingsessens, einer Dusche mit Aromaduschöl, einer Kerze beim Abendessen. Es geht um ein Lieblingslied oder die kurze Erinnerung an einen schönen Moment im zurückliegenden Urlaub.

Nicht nur die achtsamkeits-basierten Therapieansätze machen die Wirksamkeit von Achtsamkeit deutlich, sondern auch das erreichte Wohlgefühl im Alltag lässt ihren Nutzen bereits erkennen. Mit allen Sinnen sowie im Denken und Fühlen achtsam im Hier und Jetzt zu sein, macht den wesentlichen Unterschied aus, warum ein Tag im Automatik-Modus so schlaucht, wohingegen ein (Arbeits-)Tag voller achtsamer Momente gut zu stemmen ist oder sogar in kleine Flow-Momente münden kann.

So ein achtsamer Tag lässt sich gut damit abschließen, einmal bewusst aufzuzählen, wofür man dankbar ist. Dabei sind viele Anlässe für Dankbarkeit viel zu selbstverständlich geworden, um präsent zu sein, wie etwa ein Tag ohne Schmerzen zu erleben, sehen, hören und sich bewegen zu können, ein Dach über dem Kopf und ausreichend zu essen und zu trinken sowie einen Zugang zu Bildung zu haben etc. Oft reißt es einen schon aus der Starre, die den vielen Anforderungen des (Arbeits-)Alltages geschuldet ist, heraus, wenn man kräftig und vollständig ausatmet und sich (gerne zur Musik) so richtig ausgiebig bewegt, um all den Stress abzuschütteln. Wer gut gedehnt ist, ist auch im Denken flexibler.

Eine kleine „Körperreise“ (auch als Bodyscan bekannt) in stillen Momenten, wo wir entspannt und schmerzfrei sind, kann helfen, unseren Körper und damit uns selbst positiv und in einem gelassenen Zustand zu erleben. Dann kennen wir den Zustand, den wir so ersehnen und können ihn leichter erneut herstellen. Man reist leichter in eine Stadt, von der man weiß, wo sie liegt. So auch hier: Je genauer ich weiß, wie sich Gelassenheit bei mir, in meinem Körper, Denken und Fühlen, anfühlt, umso eher finde ich immer wieder zurück zu eben diesem Zustand.

 

Einladung zu einer kleinen Übung:

Stellen Sie sich in allen Einzelheiten vor, wie es konkret aussah, als Sie zuletzt einmal gelassen waren – auch wenn der Moment vielleicht lange zurückliegt und/oder nur kurz anhielt.

Mir persönlich geht es immer so, dass ich mich nach einem Lachanfall oder auch nur einem herzhaften Lachen vollkommen frei, gelassen und regelrecht wie auf „Reset“ fühle. Gelassenheit ist dann quasi der Moment, wo der Scherz nachlässt. 😉 Kennen Sie das? Es lohnt sich, den eigenen Humor und das herzliche Lachen als Abkürzung direkt hinein in die Gelassenheit wiederzuentdecken.

Wie aber sieht es aus, wenn man wirklich tief drinsteckt – mittendrin in einer nervigen, stressigen oder belastenden Situation? Dann muss man oftmals etwas tiefer in die Trickkiste greifen, um gelassen handeln zu können. Hier hilft oft ein „gedanklicher Zeitsprung“. Man kann sich fragen: Wie wichtig ist das für mich in fünf Jahren? Hat es in fünf Jahren für mich noch eine Bedeutung? Was tut mir gut, wenn das hier vorbei ist – womit möchte ich mich dann belohnen? Die Effekte: Der Fokus wird damit von der belastenden Situation weggelenkt. Die Bedeutsamkeit der Situation wird relativiert. Die Endlichkeit der nervigen Situation wird betont… Es wird einem klar: Verglichen mit meiner gesamten Lebenszeit, dauert diese stressige Situation nur einen Moment lang an – das schaffe ich… Die Gelassenheit mit der man auf die Situation reagieren kann, nimmt dadurch zu.

Natürlich gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, Gelassenheit zu lernen. Aber Vorsicht: Alles auf einmal lernen und umsetzen zu wollen, wäre das genaue Gegenteil von gelassenem Handeln. Man wäre (wieder) getrieben, angespannt und im Hamsterrad. Daher: Eine Sache zu einer Zeit! Nicht allen Empfehlungen zum Thema „Gelassenheit“ auf einmal folgen wollen – sich stattdessen Zeit geben, auf einen ersten Schritt fokussieren und dabei liebevoll, wertschätzend und geduldig mit sich selbst umgehen. Oftmals hilft es, auf die Kraft der inneren Bilder zurückzugreifen. Denn Bilder entfalten eine starke Sogkraft – eine regelrechte Magie.

 

Einladung zu einer weiteren Übung:

Erschaffen Sie sich innerlich ein Zielbild davon, wie es aussieht, wenn Sie gelassen agieren. Setzen Sie sich dabei einen als-ob-Rahmen. Tun Sie also so als wäre das Ziel erreicht: „Was sehe ich hier, was höre ich oder sage ich zu mir selbst, was spüre oder fühle ich hier in diesem Moment, in dem ich angenehm gelassen bin?“

Versetzen Sie sich mit allen Sinnen in Ihr Zielbild „Gelassenheit“ hinein. Füllen Sie Ihr Zielbild mit Leben, indem Sie mit allen Sinnen hineinspüren und intensiv darin spazieren gehen. Nehmen Sie sich gedanklich etwas mit von Ihrem inneren Kraftort der Gelassenheit. Vielleicht wollen Sie sich ein Wort mitnehmen, was diesen Ort gut beschreibt oder ein Bild. Vielleicht wollen Sie sich das angenehme Gefühl innerer Ruhe und Ausgeglichenheit verankern. Das geht gut, indem Sie sich dort berühren, wo Sie ein angenehmes Gefühl spüren (z. B. im Bauch- oder Brustbereich).

Sie können jederzeit Ihren inneren Kraftort der Gelassenheit besuchen. Ihr reiferes, gelasseneres Ich freut sich über jeden Besuch und zeigt Ihnen gerne den Weg. Hier geht es endlich einmal nicht um Druck, sondern um Sog. Denn Sie werden im Kontext „Gelassenheit lernen“ nicht angetrieben, etwas zu leisten, sondern werden angenehm angezogen vom dem entspannten Erleben Ihres Seins.

Erinnern Sie sich: Wenn es um Gelassenheit geht, ist der Weg das Ziel! Praktizieren Sie Gelassenheit im (ganz) Kleinen und Sie werden belohnt durch Gelassenheit als Grundhaltung.

Gelassenheit – oft und mühevoll probiert, nie erreicht? Finde den Fehler! Gelassenheit mit viel Anstrengung erreichen zu wollen, ist so als würde man sich inneren Frieden wünschen und permanent kämpfen, z. B. gegen eigene Gefühle, die Situation, die Umstände, andere Menschen und die eigenen Schwächen… So wie im Kampf kein Frieden liegt, liegt auch in der Anstrengung keine Gelassenheit. Gelassenheit ist fehlerfreundlich. Gelassenheit folgt nicht der einen, alleingültigen Anleitung. Gelassenheit ist individuell. Gelassenheit ist nicht ein weiterer Punkt auf einer scheinbar endlosen „to do-Liste“, sondern ein Zustand (ein „to be“ statt „to do“), der sich einstellt, wenn wir unser Sein wahrnehmen ohne es zu bewerten, wenn wir einfach atmen, nur sind und liebevoll loslassen und so in einen tiefen Frieden kommen mit allem, was war, ist und sein wird.

Viel Freude bei dieser spannenden Entdeckungsreise! 😉

 

Kurzvita Melanie Netzer

Melanie Netzer, APOLLON HochschuleNach der Ausbildung zur Physiotherapeutin sammelte Melanie Netzer zunächst einige Jahre Berufserfahrung in der Gesundheitsbranche. Den Bachelor- und Masterabschluss in Psychologie machte sie an der Fern-Universität Hagen. Somit sind ihr die besonderen Herausforderungen des Fernstudierens bestens vertraut. Frau Netzer ist freiberufliche Psychologin, Psychologische Beraterin und Coach sowie Lehrende an der APOLLON Hochschule im Bachelorstudiengang Angewandte Psychologie.