„Pflegebildung darf mutiger werden“

Experteninterview mit Studiengangsleiterin Prof. Dr. Claudia Schepers

Bis Ende 2029 müssen Pflegeschulen zentrale Anforderungen des Pflegeberufegesetzes erfüllen: Leitungskräfte und Lehrende benötigen eine pädagogische Qualifikation auf Masterniveau. Gleichzeitig stehen viele Schulen bereits heute unter hohem personellem Druck. Mit dem neuen Masterstudiengang Berufspädagogik & Management für die Pflegebildung (M. A.) reagiert die APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft auf diesen Bedarf. Der Studiengang verbindet berufspädagogische, pflegewissenschaftliche und managementbezogene Inhalte und richtet sich an Lehrkräfte, die theoretischen und praktischen Unterricht professionell gestalten, Lernorte verzahnen und perspektivisch Leitungs- und Entwicklungsaufgaben übernehmen möchten. Im Interview spricht Studiengangsleiterin Prof. Dr. Claudia Schepers über die Bedeutung des neuen Angebots, die Herausforderungen für Pflegeschulen und die Frage, was moderne Pflegebildung leisten muss.

Frau Prof. Dr. Schepers, warum braucht es gerade jetzt einen Masterstudiengang Berufspädagogik und Management für die Pflegebildung?

Also zunächst einmal ist der Zeitpunkt für diesen Studiengang so enorm wichtig, weil gemäß §9 PflBG die Pflegeschulen dazu angehalten sind, eine hauptberufliche Leitung mit einer pädagogischen Qualifikation auf Masterniveau vorzuhalten. Darüber hinaus muss eine im Verhältnis zur Auszubildendenanzahl angemessene Anzahl an Lehrkräften vor Ort tätig sein, die ebenfalls auf Masterniveau pädagogisch qualifiziert sind. Bis zum 31.12.2029 sollen diese Anforderungen erfüllt sein.

Was bedeutet diese Frist konkret für Pflegeschulen, Bildungsträger und bereits tätige Lehrkräfte?

Die Frist bedeutet, dass Pflegeschulen und Bildungsträger die (Nach-)Qualifizierung ihrer Lehrkräfte mit Hochdruck voranbringen müssen. Dies sollte durch entsprechende Studiengänge erfolgen. Für  Lehrkräfte, die sich nachqualifizieren müssen, bedeutet die Frist ein Spagat: Sie müssen ein Studium absolvieren und – in der Regel – trotzdem ihrem Beruf nachgehen. Für zahlreiche Pflegeschulen bedeutet es aber auch eine große Sorge: Denn sie können schon jetzt teilweise die Personalschlüssel nicht erfüllen. Wenn beispielsweise eine aktiv tätige Lehrkraft bisher noch nicht einmal auf Bachelorniveau qualifiziert ist, besteht die Sorge, dass diese Lehrkraft dann ab 2029 keine Lehrbefähigung von der Behörde erteilt bekommt und vorerst nicht, oder nicht vollumfänglich, für Unterrichtstätigkeiten eingesetzt werden kann. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass Schule und Behörde frühzeitig miteinander kommunizieren, um Lösungen zu finden

Der Studiengang verbindet Berufspädagogik und Management. Welche besondere Qualifikation entsteht durch diese Verbindung?

Es entsteht hierdurch eine klassische berufspädagogische Qualifikation, die für die Lehre des theoretischen und praktischen Unterrichts an Pflegeschulen notwendig ist. Denn der Studiengang beinhaltet fachdidaktische Module, eine fundierte erziehungswissenschaftliche Basis sowie pflegewissenschaftliche Module. Darüber hinaus entsteht aber auch die Qualifikation, eine Schule oder eine andere Bildungseinrichtung leiten zu können. Durch die Verbindung dieser Fächer ist die Qualifikation besonders innovativ ausgerichtet: Die pädagogische Blickrichtung denkt das Managementhandeln von der Lehre her. Und die Lehrkompetenz wird durch Managementaspekte gerahmt, so dass Lehrkräfte auch „den Blick über den Tellerrand des Unterrichts“ hinaus gewinnen.

Welche pädagogischen und didaktischen Kompetenzen erwerben die Studierenden, um theoretischen und praktischen Unterricht in der Pflegebildung professionell zu gestalten?

Zunächst einmal entwickeln die Studierenden eine kritisch-reflexive berufliche Identität. Somit sind sie in der Lage, ihre Rolle als Lehrende im Sinne einer fortlaufenden individuellen und kollektiven Professionalisierung stetig zu reflektieren und zu klären.
Zudem entwickeln sie fachdidaktische Kompetenzen, beispielsweise für die Curriculum-Entwicklung und für die Gestaltung innovativer Lehr-Lernprozesse. Ein Schwerpunkt ist dabei auf  digitale Lehr-Lernsettings gerichtet. Wichtig ist außerdem ein Gerüst an erziehungswissenschaftlicher Theoriearbeit. Denn fundierte Kompetenzen erziehungswissenschaftlicher Theorien ermöglichen eine systematische und strukturierte pädagogische Arbeit.
Für den theoretischen, aber auch für den praktischen Unterricht sind die pflegewissenschaftlichen Module ausschlaggebend. Hier können die Studierenden über den Wahlpflichtbereich individuelle Schwerpunktsetzungen ansteuern und somit ihre bisherigen Kompetenzen vertiefen. Die bezugswissenschaftlichen Module bilden zusammen mit den Managementmodulen ein differenziertes Repertoire für ein innovatives Leitungshandeln.

Pflegebildung findet an verschiedenen Lernorten statt – in der Pflegeschule, in der Praxis und zunehmend auch digital. Wie unterstützt der Studiengang die Studierenden dabei, diese Lernorte sinnvoll miteinander zu verzahnen?

Tatsächlich ist gerade die Digitalisierung für die Lernortkooperation ein zentraler Baustein im Studiengang. Man muss bedenken, dass die Studierenden im Master bereits umfangreiche berufliche Erfahrungen mitbringen. Sowohl in der Lehre als auch in der Pflege oder sogar auch bereits auf Leitungsniveau. Die Studierenden kennen Lernortkooperation und gestalten diese bereits mit. Der Studiengang setzt hierfür einige wichtige Impulse und öffnet für diese spezielle Kompetenzentwicklung spannende Bildungsmöglichkeiten: Beispielsweise wird im zweiten fachdidaktischen Modul ein Gruppenprojekt durchgeführt. Das Gruppenprojekt bietet die Möglichkeit, zu einer selbstgewählten Fragestellung eine mehrmonatige Gruppenarbeit auszuarbeiten. Somit können die Studierenden ihre bisherigen Kompetenzen mit neuen Erkenntnissen verknüpfen und auch einmal kreative Ideen entwickeln.

Viele Absolventinnen und Absolventen werden später nicht nur unterrichten, sondern auch Bildungsprozesse, Teams oder Schulentwicklungsprojekte mitgestalten. Wie bereitet der Studiengang auf solche Leitungs- und Gestaltungsaufgaben vor?

Indem der Studiengang die pädagogischen Kompetenzen stringent mit anderen Kompetenzfeldern verknüpft. Das bedeutet, dass die Studierenden auch andere disziplinimmanente Diskurse und Denkweisen kennen lernen. Gerade durch diese Transition entsteht ein innovativer Kompetenzaufbau. Die Studierenden lernen, pädagogische Handlungsfelder zu erschließen, oder pädagogische Kompetenzen für zum Beispiel betriebswirtschaftliche Settings brauchbar einzusetzen.

Für wen ist der Master besonders geeignet und welche beruflichen Perspektiven eröffnet der Abschluss?

Der Master ist für alle Lehrkräfte geeignet, die an einer Pflegeschule unterrichten, oder zukünftig unterrichten wollen. Ebenso ist der Master für alle Lehrkräfte geeignet, die merken, dass sie noch mehr wollen und perspektivisch eine Leitungstätigkeit ausüben wollen. Ebenso ist der Masterstudiengang aber auch eine spannende Perspektive für alle, die in anderen Bildungsbereichen der Pflege arbeiten wollen. Zum Beispiel in Projekten mit pflegepädagogischer Schwerpunktsetzung oder in innerbetrieblichen Bildungsabteilungen.

Was muss moderne Pflegebildung aus Ihrer Sicht leisten, damit sie die Pflegeberufe langfristig stärkt und attraktiver macht?

Aus meiner Sicht darf die Pflegebildung mutiger und selbstbewusster werden. Die Pflegebildung steht auf einer sehr soliden fachlichen Basis durch das Pflegeberufegesetz und die Rahmenlehrpläne. Die Arbeit der Fachkommission hat hier wirklich überaus hochwertige Rahmenbedingungen auf den Weg gebracht. Jetzt gilt es, die Professionalisierung der Pflegepädagoginnen und -pädagogen auf diesem Niveau voranzubringen. Nichtsdestotrotz sehe ich an zahlreichen Schulen noch sehr herkömmliche Unterrichtskonzepte. Hier würde ich mir manchmal wünschen, dass Lehrkräfte aber auch Schulleitungen sich mehr trauen, didaktisch innovativer vorgehen. Dazu gehört aber auch, ausreichend Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit die Lehrkräfte einen guten Job machen können. Und gute Bildung ist letztendlich Teamwork: Da müssen alle ein Commitment zeigen: die Politik, die Behörden, die Schulen und die Kliniken. Bildung, egal in welcher Branche, darf nicht mehr nur Randaufgabe sein. Bildung muss an erster Stelle stehen und so auch finanziert werden. Der Wert der Bildung für die Pflege und für die Gesellschaft muss endlich erkannt werden.

Interview: Hayat Issa

Zur Person

Prof. Dr. Claudia Schepers
© Hauke Müller Fotografie

Frau Prof. Dr. Claudia Schepers ist Professorin für Erziehungswissenschaften, insbesondere Berufspädagogik, an der APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft. Dort leitet sie die Studiengänge Berufspädagogik für Pflege- und Sozialberufe (B. A.) sowie Berufspädagogik und Management für die Pflegebildung (M. A.). Ihre akademische Laufbahn umfasst das Studium der Diplompädagogik mit den Nebenfächern Psychologie und Politik an der Philipps-Universität Marburg und der Universität Bremen. An der Universität Hamburg promovierte sie zur Dr. phil. mit einer Arbeit zur Professionalitätsentwicklung von Kursleitenden. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen die Pflegepädagogik mit Fokus auf die Professionalisierung von Lehrpersonal sowie die Gestaltung digital unterstützter Lehr-, Lern- und Bildungsprozesse. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit Alphabetisierung und Grundbildung, insbesondere im Kontext arbeitsorientierter Grundbildung. Vor ihrer Tätigkeit an der APOLLON Hochschule war sie unter anderem an der Universität Bremen, der Universität Hamburg und der Pädagogischen Hochschule Weingarten in verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsprojekten tätig.

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