Kompetenzorientierte Beratung in der Schulpsychologie
Mit dem Master Psychologie mit dem Schwerpunkt Beratungspsychologie können Absolventinnen und Absolventen unter anderem im Berufsfeld Schule arbeiten. Der Studiengangsleiter Prof. Dr. Marcus Eckert gibt im folgenden Text einen Einblick, warum Beratungskompetenzen im Schulalltag entscheidend sind und wie Schüler:innen sowie Lehrer:innen von ihnen profitieren können.
Beratungskompetenzen sind wichtig, wo immer wir Menschen befähigen, ermutigen und stärken möchten. Und wo immer wir Möglichkeitsräume aufzeigen, gestalten und persönliches Wachstum begleiten wollen. Ein lohnendes Beispiel für den Einsatz dieser Fähigkeiten ist die Schulpsychologie. Denn im Setting Schule sind Beratungskompetenzen unverzichtbar, schließlich ist Bildung das höchste Gut und die Kinder und Jugendlichen sind unsere Zukunft. In der Schule wird eben nicht nur Mathe, Deutsch und Englisch gelernt. In der Schule lernen Kinder und Jugendliche das Miteinander, lernen sie – wenn es gut läuft – Demokratie und werden zu mündigen Bürger:innen. Und mehr noch: Sie lernen Neugier oder Langeweile, Zivilcourage oder Gleichgültigkeit. Und all das lernen sie meistens ganz nebenbei. Schule ist ein Ort, an dem viel gelernt wird – aber manchmal eben auch Unerwünschtes. Beratungs- und Kommunikationskompetenzen von Lehrkräften sind hier ein entscheidender Schlüssel, denn sie begleiten die Schüler:innen Tag für Tag.
Allerdings werden die Beratungs- und Kommunikationskompetenz von Lehrerinnen und Lehrern nicht systematisch geschult. Einige Lehrer:innen verstehen sich ganz ausgezeichnet auf das Beraten und können somit Schülerinnen und Schüler motivieren, ermutigen und zielgenau fördern. Allerdings fühlt sich ein Großteil der Lehrkräfte nicht in der Lage, kompetenz- und ressourcenorientiert zu beraten. Dadurch werden Ressourcen und Chancen vergeben. Es werden also dringend (Schul-)Psychologinnen und Psychologen gebraucht, die gemeinsam mit den Lehrkräften diese Kompetenzen entwickeln und auf die Schulpraxis anpassen. Und das bedeutet: Die Psychologinnen und Psychologen benötigen nicht nur selbst Beratungs- und Kommunikationskompetenzen, sie müssen diese auch professionell schulen können. Und dafür benötigen Sie tiefe Einblicke und eine fundierte Praxis. Sie müssen wirkliche Expertinnen und Experten sein. Deshalb ist die systematische Verzahnung von Theorie, Praxis und Erfahrungen ein wesentliches Element im Masterstudium Psychologie mit dem Schwerpunkt Beratungspsychologie an der APOLLON Hochschule.
Wie können Psycholog:innen Lehrkräfte bei der Entwicklung von Beratungs- und Kommunikationskompetenzen unterstützen?
Dazu ist es sinnvoll, zunächst zu verstehen, was viele Lehrkräfte benötigen. In der Schule wird traditionsgemäß eher defizitorientiert kommuniziert: „Das kannst du noch nicht, du musst es noch lernen.“ Wer nahezu täglich ähnliche Aussagen hört, fühlt sich schnell insuffizient, da die Erfolgserlebnisse überwiegen. In der Schule fühlen sich nicht nur die Schüler:innen insuffizient, vielen Lehrer:innen geht es ähnlich. Sie haben die Klasse „nicht im Griff“, sie geben sich Mühe, und trotzdem haben die Schüler:innen immer noch Defizite oder sind unmotiviert. Das ist oft entmutigend und viele Lehrer:innen übertragen – ohne böse Absicht – ihre Unzufriedenheit auf die Schüler:innen. Sie machen diese dann für die erlebte Insuffizienz verantwortlich: „Seit Wochen erkläre ich euch die binomischen Formeln und kaum einer von euch hat sich Mühe gegeben, sie zu verstehen.“ Schule wird auf diese Weise oft für alle Akteure zu einem Ort erlebter Frustration und Hilflosigkeit („Ich kriege es nicht hin!“).
Was weder die Schüler:innen noch die Lehrer:innen sehen, sind die vielen Leistungen, die sie täglich erbringen. Die vielen Bemühungen, die in Erfolge gipfeln. Selbst wer schlecht im Rechnen ist, lernt irgendwann das Einmaleins. Selbst wer Probleme mit dem Schreiben hat, bekommt irgendwann Buchstaben und Worte zu Papier. Nur keiner würdigt das, weil die neuen Aufgaben Schwierigkeiten machen und der Fokus darauf liegt. Wachstumsorientierung bedeutet, nicht an Fehlern zu verzweifeln, sondern aktiv zu erleben, wie man an ihnen wächst. Der Fokus wird darauf gerichtet, was dieses Mal besser funktioniert hat als beim letzten Mal. Studien zeigen, dass Schüler:innen, die ihre eigenen Fortschritte sehen und würdigen, mittelfristig nicht nur motivierter, sondern auch zufriedener sind. Zudem reduzieren sich Konflikte mit Gleichaltrigen und mit Lehrer:innen.
Auch die eigenen Kompetenzen erkennen und würdigen
Lehrer:innen, die ihr eigenes persönliches Wachstum wahrnehmen und würdigen können, sind zufriedener und eher bereit, auch die Kompetenzen (anstelle der Defizite) bei ihren Schüler:innen zu sehen und zu würdigen. Psychologinnen und Psychologen sollten also mit Lehrer:innen nicht nur kompetenzorientierte Kommunikationsmuster trainieren. Vielmehr sollten sie die Lehrer:innen immer wieder einladen, ihre eigenen Kompetenzen zu würdigen, den Blick immer wieder auf ihr eigenes Wachstum zu lenken und dieses lustvoll zu erleben. Dann steigt nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass die Lehrkräfte auch die Kompetenzen und das Wachstum der Schüler:innen stärker wahrnehmen und authentisch würdigen können. Auf diese Weise kann aus Schule ein Ort des Kompetenzerlebens werden.
Für diese anspruchsvollen und wichtigen Aufgaben werden Psychologinnen und Psychologen gebraucht, die ein tiefes und erfahrungsgetränktes Verständnis von ressourcen- und kompetenzorientierter Kommunikation und Beratung haben. Mehr noch: Im Idealfall leben sie selbst eine Wachstumsorientierung, sodass ihre eigene Haltung zur Einladung für andere wird. Denn das Beherrschen von Fragetechniken und Beratungsmethoden allein ist nur die halbe Miete. Deshalb werden Psychologinnen und Psychologen gebraucht, die Theorie, Praxis und reflektierte Erfahrung miteinander verzahnen können. Und diese Verzahnung kann man nicht erwerben, die muss man sich erarbeiten und man muss Stück für Stück in sie hineinwachsen. Übrigens: Die günstigste Haltung dafür ist eine neugierige Wachstumsorientierung.
Hier gibt es weitere Informationen zum Master Psychologie an der APOLLON Hochschule.