ErfahrungsBerichte

Katrin Steger
(M. A.)

Erlernter Beruf Perfusionistin B.Sc., ECCP
GeburtsJahr 1971

Ein Tag in der Provence: APOLLON Studierende Katrin Steger berichtet von internationalem Pflegekongress in Frankreich

Katrin Steger, Jahrgang 1971, Fachkrankenschwester (A+I), Atmungstherapeutin (DGP), Perfusionistin (B.Sc., ECCP) und kooptiertes Vorstandsmitglied im Deutsch-Französischen Institut Erlangen studiert aktuell den Master Digital Health Management (M. A.) an der APOLLON Hochschule. Vor Kurzem folgte sie der Einladung der Pflegedirektion des Centre Hospitalier (CH) d’Aix-en-Provence, am Internationalen Kongress „Les soins hors frontières: regards internationaux sur le soin et son organisation“  („Pflege außerhalb der Grenzen: Internationale Sichtweisen auf Pflege und ihre Organisation“), teilzunehmen.

In Aix-en-Provence trafen sich Anfang Juni 2023 Repräsentanten der Pflegeberufe aus verschiedenen Ländern zu einem Austausch im „Amphithéâtre de la Manufacture“. „Für mich bot der Kongress nicht nur die Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und meine Sprachkenntnisse zu pflegen, sondern ich erhoffte mir auch interessante Einblicke in die Arbeit von Kolleg:innen aus französischsprachigen Ländern“, erläutert Katrin Steger ihre Motivation. Ihre Eindrücke vom Kongress und eine Zusammenfassung der Inhalte hat sie in einem kleinen Reisebericht festgehalten:

Länderübergreifender Kongress

„Alle Jahre wieder stelle ich mir die Frage: Was mache ich im Urlaub? Diesmal wurde mir die Entscheidung durch eine unerwartete Kongress-Einladung von Marc Catanas, dem Direktor der Pflegedirektion des Centre Hospitalier (CH) d’Aix-en-Provence, erleichtert. Die Reise sollte mich in die Provence führen. Warum nicht? Man sagt schließlich, Frankreich sei immer eine Reise wert. Zudem gibt es die Möglichkeit, auch für kleines Geld und ohne Umsteigen, ab Frankfurt mit dem TGV, vorbei am Luberon, in ca. acht Stunden direkt nach Aix-en-Provence zu reisen.

Frankfurt HbfDie Reise beginnt am Hauptbahnhof Frankfurt.

Anlass für das länderübergreifende Treffen war die anhaltende Kritik am französischen Gesundheitssystem, das nicht alle personellen und finanziellen Mitteln aufbringt, um einerseits den Versorgungsauftrag für die Bevölkerung kontinuierlich zu erfüllen und um andererseits der Fürsorgepflicht für die Leistungserbringer, d. h. den Pflegenden, gerecht zu werden. Der Kongress mit dem Titel „Les soins hors frontières: regards internationaux sur le soin et son organisation“  („Pflege außerhalb der Grenzen: Internationale Sichtweisen auf Pflege und ihre Organisation“) wurde initiiert, um die eigene Situation länderübergreifend zu vergleichen.

Die Kernthemen des Kongresses waren:

  • • Aktuelle Situation der Berufsgruppe Pflege außerhalb Frankreichs
  • • Strukturierung und Repräsentanz der Berufsgruppe Pflege außerhalb Frankreichs
  • • Stellenwert der Berufsgruppe Pflege in der Leitungsebene der jeweiligen Einrichtungen
  • • Schwierigkeiten und Herausforderungen in den jeweiligen Ländern
  • • Entwicklung innovativer Lösungen zur Bewältigung der Herausforderungen

Die Pflegedirektion des Centre Hospitalier d’Aix-en-Provence gab Expert:innen aus Pflegeberufen verschiedener Länder die Möglichkeit zum Austausch über ihre Erfahrungen in diesen Themenbereichen, die für die Pflege grundlegende Bedeutung erlangt haben. Die Kongressteilnehmenden erhielten einen Überblick über die aktuelle Situation der Pflege in Frankreich, Belgien, Dänemark, Italien, Kanada, Libanon und der Schweiz. Dieser multilaterale Vergleich der Pflegepraxis machte den Kontext, in dem man beruflich tätig ist, verständlicher. Häufige Kritikpunkte in zeitweise mehr als angeregten Podiumsdiskussionen waren die Klagen über die Arbeitsbedingungen in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, der Sinnverlust des Berufes und die mangelnde Anerkennung von verantwortlicher Tätigkeit.

Kongressgelände Aix en ProvenceKongressgelände in Aix-en-Provence

Charakteristika in Belgien

Die sprachlich-geografische Besonderheit in Belgien ist die inoffizielle Zweiteilung des Landes in die überwiegend niederländisch-sprachige Region Flandern und die überwiegend französisch-sprachige Region Wallonien. Zudem herrschen in Belgien regionale Ungleichheiten zwischen dem wirtschaftlich ärmeren Wallonien und dem reicheren Flandern, was sich auch in der Statistik bezüglich der Letalität zeigt, die in Wallonien höher ist als in Flandern. Miguel Lardennois, politischer Berater für den Bereich Gesundheit im belgischen Ministerium und selbst Krankenpfleger, ging in seinem Kongressvortrag auf diese Problematik ein und stellte darüber hinaus die Besonderheiten des belgischen Gesundheitssystems vor. Als Vorteile nannte er, dass die Pflege eine eigenständige Berufsgruppe ist, die seit über 50 Jahren anerkannt ist, dass es seit 40 Jahren eine verbindliche Krankenhauspflegehierarchie gibt, die seit 20 Jahren gestärkt wird, dass es eine fundierte Ausbildung für diejenigen gibt, die sich für ein Hochschulstudium entschieden haben, und, dass es eine relative Geschlossenheit der Krankenpflegeverbände gibt. Dennoch sind gravierende Schwächen im belgischen System erkennbar, die sich in einer politisch stärkeren Position der Ärzteschaft und in dem Versuch von Politik und Management, den Stellenwert des Pflegeberufs zu reduzieren, ausdrücken. Hinzu kommen steigende Energiekosten, die die Gesundheitseinrichtungen an die Grenze ihrer finanziellen Belastbarkeit drängen.

Charakteristika in Italien

Anne Destrabecq, Professorin für Pflegewissenschaft an der Universität Mailand, befasste sich in ihrem Vortrag mit der Ausbildung, der Ausübung und den Perspektiven des Pflegeberufes in Italien. Auch in Italien stehen die Gesundheitsberufe vor großen Herausforderungen, um ihre gesellschaftliche Wahrnehmung und Attraktivität zu verbessern, insbesondere im Hinblick auf den Beruf der Krankenschwester und des -pflegers.  Als starker Indikator für die Qualität der gesundheitlichen Versorgung in einem Land wird die Anzahl von Krankenschwestern und -pflegern im Verhältnis zur Bevölkerung gesehen. In Italien liegt die Anzahl der Krankenschwestern und -pfleger pro 1.000 Einwohner bei 6,6. Im Vergleich dazu beträgt die Quote im europäischen Mittel 8,6. In Frankreich liegt sie bei 11,1, in Deutschland bei 12,1 und in der Schweiz bei 18,4 (OSZE, 2022). Die offenen italienischen Herausforderungen beziehen sich auch auf die Notwendigkeit, Ressourcen und Kompetenzen zu sichern, um den Mangel an Krankenschwestern und
-pflegern sowie anderem Gesundheitspersonal im Allgemeinen zu beenden.

Charakteristika in Dänemark

Das dänische Gesundheitssystem gilt als das effizienteste in Europa. Seine territoriale Organisation mit fünf geografischen Regionen, die ihrerseits in 98 Gemeinden mit 50.000 Einwohnern unterteilt sind und in denen die Niederlassung von Gesundheitsfachkräften je nach Bedarf geregelt ist, ist seit mehreren Jahren Gegenstand einer hoch entwickelten logistischen Koordination und eines digitalen Systems. Lisbeth Kjaer Lagoni, Pflegedirektorin des Universitätskrankenhauses Aalborg, gab einen Einblick in diese Organisation und erläuterte, wie die Einrichtungen in Dänemark an der Rekrutierung und Bindung von Pflegekräften arbeiten. Die Universitätsklinik Aalborg ist verantwortlich für die klinische Ausbildung von mehr als 2.700 Studierenden und Trainees, die sich in sieben berufsspezifische Bereiche aufteilen:

  • • Studierende der Krankenpflege
  • • Studierende der Medizin
  • • Postgraduierte medizinische Ausbildung
  • • Sozial- und Gesundheitsmanagement
  • • Studierende der medizinischen Labortechnik
  • • Studierende der Radiologie
  • • Studierende der Hebammenkunde 

Charakteristika in der Schweiz

In der Schweiz gibt es fünf universitär geführte Krankenhäuser, die Universitäts-Spitäler in Zürich, Basel, Genf und Waadtland und das Insel-Spital in Bern. Francoise Ninane, stellvertretende Pflegedirektorin des Universitäts-Spitals Waadtland, gab Einblicke in die Arbeitsweise ihres Klinikums, das über 1.560 Betten verfügt. Sie sprach in ihrem Vortrag ein weiteres Problem im Gesundheitswesen an: die demografische Entwicklung in der Schweiz. Während 2020 im Einzugsgebiet ihrer Klinik im Waadtland 134.643 Personen 65 Jahre und älter waren (16,5 % der Gesamtbevölkerung), werden es im Jahre 2040 voraussichtlich 205.372 Personen (21 %) sein (StatVD, 2021). Damit sind Multimorbidität und Ko-Morbiditäten verbunden, die zusätzliche Herausforderungen bedeuten.

Als Lösungsvorschlag für die Pflegeberufe wurde eine 4-Punkte-Strategie erarbeitet:

  1. Die Entwicklung der Pflege im Hinblick auf die Herausforderungen steuern (Patient:innen und Angehörige, Gesundheitssystem).
  2. Entwicklung von Wissen, Fähigkeiten und Organisationsstrukturen, um weiterhin klinische Spitzenleistungen zu unterstützen.
  3. Errichtung von gesunden, agilen und lernenden Arbeitsumgebungen.
  4. Eine Organisationsstruktur fördern, die im Hinblick auf Nachhaltigkeit sowie auf menschliche, ökologische und wirtschaftliche Kosten für die Gemeinschaft tragbar ist. 

Kanada und Libanon

Die Veranstaltung schloss mit den Vorträgen von Jeremy Palomares, Pflegedirektor am Charles Le Moyne Hospital in Montreal (Kanada), und von Joëlle Narchi Seoud, Professorin für Pflegewissenschaft an der St-Joseph-Universität in Beirut (Libanon), ab. Jeremy Palomares ermöglichte in seinem Vortrag einen Blick hinter die Kulissen des Pflegeberufes in Québec – im Gleichgewicht zwischen Innovation, Führung und Leistungsfähigkeit des Gesundheitsnetzes. Joëlle Narchi Seoud zeigte auf, vor welchen Herausforderungen und Perspektiven der Pflegeberuf in ihrem Land steht.

Katrin StegerIch, im Auditorium (Foto: M. Catanas)

Ein Runder Tisch

An einem Runden Tisch stellten Vertreter:innen französischer Gesundheitsberufe ihre wissenschaftlichen Arbeiten vor. Besonders erwähnenswert ist der Vortrag von Florian Nassiri, der demonstrierte, wie Künstliche Intelligenz die Entscheidungsfindung bei Muskel-Skelett-Beeinträchtigungen verbessern kann. In derselben Gesprächsrunde hat Nadia Tiberti, die als Advanced Practice Nurse am Centre Hospitalier in Aix-en-Provence arbeitet, einen Erfahrungsbericht über den ersten Einsatz von Advanced Practice Nursing in einer Notaufnahme in Frankreich vorgestellt.

Damit ging ein überaus spannender Tag in der Provence zu Ende. Und man sieht: Die Provence ist immer eine Reise wert, nicht nur wegen der Landschaft und der guten Küche. Ich gebe dem Kongress das Gesamturteil „Sehr empfehlenswert“ und rege ein deutsches Pendant an!“