ErfahrungsBerichte

Anja Braun
(M. A.)

Studiengang Master Angewandte Gerontologie
Erlernter Beruf Altenpflegerin
GeburtsJahr 1970

Interview mit Anja Braun, der ersten Absolventin des APOLLON Studiengangs „Angewandte Gerontologie“: Masterarbeit zum Thema „Pflegerobotik“ erregt Aufsehen

In beeindruckendem Tempo zum Master: Anja Braun hat als Erste den seit April 2017 an der APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft angebotenen Fernstudiengang „Angewandte Gerontologie“ abgeschlossen. Mit ihrer Masterarbeit zum Thema „Akzeptanz verschiedener Formen der Pflegerobotik in der Bevölkerung der Region Trier“ landete sie direkt in der regionalen Tageszeitung.

Warum haben Sie sich für das Masterstudium „Angewandte Gerontologie“ entschieden und wie hat es sich auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Ich habe 1998 die Ausbildung zur staatlich anerkannten Altenpflegerin abgeschlossen und arbeite seit einigen Jahren in leitender Position bei einem mobilen Pflegedienst in der Grenzregion Deutschland/Luxemburg. Mein Arbeitgeber legt großen Wert auf Weiterbildung. Nachdem meine Bewerbung an der Universität Luxemburg für ein Studium der Gerontologie abgelehnt worden war, begann ich deshalb im Jahr 2015 ein Bachelorstudium an der APOLLON Hochschule im Studiengang Pflegemanagement, das ich nach zwei Jahren abschloss. Eine Kommilitonin überzeugte mich davon, im Anschluss den neuen Masterstudiengang Angewandte Gerontologie zu belegen. Die Studieninhalte interessierten mich sehr und das Erlangen tiefgründigen Wissens war die Triebfeder, diesen Studiengang zu belegen. Auch wenn das Fernstudium für mich insgesamt vier Jahre harte Disziplin und durchaus Einschränkungen sowie Verzicht im Familienleben bedeutete, habe ich es zu keiner Zeit bereut. Das neue Wissen konnte ich schnell im Beruf umsetzen. Was als Studium aus persönlichem Interesse ohne besondere berufliche Hintergedanken begann, ermöglicht mir nun voraussichtlich einen weiteren Aufstieg auf der Karriereleiter. Um einen Job muss ich mir in der Region Trier keine Sorgen machen, mit den erlangten Qualifikationen stehen mir viele Türen in meinem Berufsfeld offen.

Wie sind Sie auf das Thema für Ihre Masterarbeit gekommen?

Vor etwa zwei Jahren wurde in einem Qualitätszirkel innerhalb meines Unternehmens über die Pflege in der Zukunft diskutiert. Dort kam zur Sprache, dass an der Entwicklung von Robotern gearbeitet wird, die die Pflege eines Menschen komplett übernehmen können. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich noch nicht näher mit dem Einsatz von Robotern in der Pflege beschäftigt. Nun wurde ich  nachdenklich, da es für mich als Altenpflegerin unmöglich schien, Pflegekräfte durch Roboter zu ersetzen. Das Thema kam in mir wieder hoch, als in der regionalen Zeitung über den Fachkräftemangel im Bereich Pflege in der Region Trier berichtet wurde. Hier ist der Fachkräftemangel in der Pflege durch die Grenznähe zu Luxemburg besonders ausgeprägt, da das Nachbarland durch gute Bezahlung und Sozialleistungen Fachkräfte aller Berufssparten aus Deutschland, Frankreich und Belgien anlockt. Dementsprechend hoch ist der Fachkräftemangel besonders in den Krankenhäusern sowie bei stationären und ambulanten Pflegeanbietern im Grenzgebiet. Mir stellte sich sofort die Frage nach der Akzeptanz in der Bevölkerung, wenn es darum geht, mit Hilfe des Robotereinsatzes den Fachkräftemangel zu kompensieren.

Wie haben Sie die Erhebung durchgeführt und wie wurde der Fragebogen aufgebaut?

Ich habe einen Fragebogen verwendet, in dem soziogeografische Informationen genauso erbeten wurden wie Angaben zur Altersklasse, um später Akzeptanzunterschiede – etwa zwischen den Generationen – aufdecken zu können. Zusätzlich sollten die Teilnehmenden zum Beispiel angeben, ob sie in der Gesundheitsbranche tätig oder selbst pflegebedürftig sind, ob sie einen Angehörigen pflegen oder ob ein Angehöriger ambulant oder stationär versorgt wird. Die Fragen zur Pflegerobotik wurden in Bereiche wie „Servicerobotik“, „Therapierobotik“, „Mobilisationsrobotik“ und „Körperpflegerobotik“ unterteilt. Da die Themen Datenschutz sowie die zukünftige Telemedizin und das Vertrauen der Gesellschaft in diese mir wichtig erschienen, wurden sie ebenfalls in den Fragebogen eingebaut.

Gibt es grundsätzliche Meinungsunterschiede zwischen den Altersgruppen, was den Einsatz von Robotik in der Pflege betrifft?

Nein. Generationenübergreifend wird der Einsatz von Robotern in Pflege und Therapie nahezu gleichermaßen abgelehnt, es sei denn, die Geräte dienen dem Erhalt der Autonomie. Lediglich in der Servicerobotik sehen jüngere Generationen scheinbar einen Vorteil, vor allem durch Entlastung bei immer wiederkehrenden, gegebenenfalls unbeliebten Hausarbeiten wie Putzen, Saugen oder Rasenmähen. Diese Art von Robotern sind akzeptiert. Viele besitzen bereits ein solches Gerät, bei den Älteren wird deren Einsatz kritischer betrachtet, aber nicht völlig abgelehnt.

Welche Aspekte werden von den Befragten als besonders problematisch angesehen und warum?

Besonders den Einsatz von Robotern zur Körperpflege – im Fragebogen wurde der Waschroboter Cody, der Haarwaschroboter von Panasonic und ein Roboter zum Anreichen vorbereiteter Nahrung beschrieben – können sich alle Befragten nicht oder nicht gut vorstellen. Die Pflege durch Menschen auch im Falle eines Fachkräftemangels würden alle Altersgruppen bevorzugen. In den Hinleitungen zu den Fragen wurde auch die Möglichkeit der Pflegeroboter beschrieben, alle Geräusche und Gespräche mitzuhören und durch Kameratechnik Einsicht in die persönlichen Bereiche zu erhalten. Hier wurde von einem Großteil aller Befragten angegeben, dass das Wissen um das Mithören zu einer Verhaltensänderung führen würde. Auch die mögliche Weitergabe erhobener Daten durch die Gerätehersteller an den Krankenversicherer wird von den Untersuchungsteilnehmern als sehr kritisch betrachtet. Ein Grund für die eher ablehnende Haltung der Teilnehmenden kann die Tatsache sein, dass sie sich noch nicht intensiv mit den Pflegerobotern auseinandergesetzt haben. Diese kommen bislang entweder nur im Labor oder im Ausland (Japan, USA) zum Einsatz. Eine weitere Ursache  sind womöglich die  Wertvorstellungen und die Kultur der Region. Diese ist eher konservativ geprägt, die Familie hat einen hohen Stellenwert. Zudem fand die Umfrage zu einem Zeitpunkt statt, in dem die Datenpannen durch Assistenzgeräte wie „ALEXA“ aufgedeckt wurde. Gegebenenfalls hatte die Veröffentlichung dieser Pannen einen Einfluss auf die Untersuchung. Es kann ebenso angenommen werden, dass das Weiterleiten der Daten an den Krankenversicherer für die Untersuchungsteilnehmer einen Nachteil bedeuten könnte.

Gibt es in diesen Bereichen bereits Lösungsvorschläge?

Mit der Datenschutzgrundverordnung scheint der Grundstein gelegt. Die Umsetzung müsste meines Erachtens nach besser kontrolliert werden und es sollten schärfere Kontrollmechanismen eingeführt werden.

Hatten Sie bestimmte Erwartungen, was die Ergebnisse Ihrer Befragung betrifft?

Ich habe angenommen, dass die 18 bis 40-Jährigen, die mit Computer, Smartphone und Internet groß geworden sind, die Technik in einem höheren Maße akzeptieren. Diese Annahme musste ich falsifizieren, da es einen kaum relevanten Unterschied zu anderen Alterskategorien in den Ergebnissen gibt.

Wurden bestimmte Erwartungen bestätigt? Wenn ja, welche?

Ich habe schon damit gerechnet, dass die Akzeptanz gerade beim Einsatz von Robotern in der Körperhygiene besonders niedrig ist. Durch die Möglichkeit des Selektierens in Gesundheitsberufler und Nicht-Gesundheitsberufler wurde auch hier meine Annahme bestätigt: Gesundheitsberufler lehnen den Einsatz speziell dieser Roboter im Besonderen ab.

Hat Sie an den Ergebnissen Ihrer Befragung etwas überrascht? Wenn ja, was?

Mich hat schon überrascht, dass sich die Befragten Gedanken um den Datenschutz und dem Mithören diverser Geräte in den eigenen vier Wänden machen, im Gegenzug aber sprachgesteuerte Geräte wie „ALEXA“, „SIRI“ und Google benutzt werden. Es handelt sich hierbei ja um eine ähnliche Technik. Ich ging von einem laxeren Umgang mit Daten und Datenschutz besonders bei der jüngeren Generation aus, was sich in der Umfrage aber nicht bestätigte.

Sind die Ergebnisse Ihrer Befragung regional einzuordnen oder übertragbar auf ganz Deutschland? Warum?

Eine Übertragung auf ganz Deutschland kann ich mir eher nicht vorstellen. Dafür schätze ich die Wertvorstellungen und Kultur verschiedener Regionen in Deutschland als zu unterschiedlich ein.

Was sind Ihre Schlussfolgerungen? Was ist Ihre persönliche Meinung zum Einsatz von Robotik in der Pflege?

Da Wertvorstellungen und Kultur einem ständigen Veränderungsprozess unterliegen, würde die gleiche Umfrage zu einem anderen Zeitpunkt – ich denke an etwa 20 Jahre – sicherlich zu anderen Ergebnissen führen, die gegebenenfalls für den Einsatz von Pflegerobotern sprechen würden. Bis dahin halte ich den Einsatz der Roboter besonders zur Körperpflege zur Kompensation des Fachkräftemangels in der Region Trier eher für nicht realisierbar. Ich persönlich empfinde den Einsatz aus ethischer und auch pflegerischer Sicht problematisch, da für viele pflegebedürftige Menschen beim Einsatz von Robotern der soziale Kontakt wegbrechen würde und eine Vereinsamung vorprogrammiert wäre. Auch den Einsatz bei an Demenz erkrankten Menschen sehe ich persönlich kritisch, da die Geräte gegebenenfalls Ängste hervorrufen können und das Einverständnis für einen Einsatz von Robotern nicht wirklich nachvollzogen werden kann. Die Demenztherapie mit Robotertieren halte ich für einen Betrug an den Gefühlen der Patienten und würde den Einsatz von ausgebildeten Therapietieren bevorzugen.