Wednesday, 16.05.2018

„DAZU HABE ICH JETZT KEINE LUST” – DAS PHÄNOMEN DER ANSTRENGUNGSVERWEIGERUNG IM FERNSTUDIUM

Die meisten starten hochmotiviert ins Fernstudium – aber nach einer Phase erster Euphorie können sich durchaus hartnäckige Vermeidungstendenzen entwickeln, die unter Umständen sogar den Studienerfolg beeinträchtigen.

Wer in ein Fernstudium startet, hat sich das in der Regel gut überlegt, „brennt“ für sein Studienfach und ist maximal motiviert. Dennoch wird der eine oder andere Studierende nach einer Weile von einem „Durchhänger“ erwischt – zunächst einmal völlig normal und nicht weiter dramatisch. Wenn man sich jedoch in einer länger andauernden Negativspirale wiederfindet, die Leistungen nachlassen und die Selbstzweifel kommen, entwickelt sich die Sache zum Problem. Wir haben uns mit Professor Dr. Marc Schipper, Psychologe, Neurowissenschaftler, Mediator und im Dekanat Prävention und Gesundheitsförderung der APOLLON Hochschule unter anderem für die Leitung verschiedener Module des Bachelor-Studiengangs „Angewandte Psychologie“ (B. Sc.) zuständig, über das Phänomen der Anstrengungsvermeidung im Fernstudium unterhalten.

Den Ursachen auf der Spur

„Zunächst einmal ist es wichtig festzuhalten, dass Vermeidungstendenzen keine diagnostische Einheit darstellen. Es handelt sich dabei vielmehr um einen ganzen Symptomkomplex mit verschiedenen, individuell variierenden Bedingungsfaktoren,“ erklärt Marc Schipper die Hintergründe des Phänomens. Zu den typischen Ursachen der Anstrengungsvermeidung in Bezug auf das Fernstudium zählen laut Schipper beispielsweise:

  • • Ein Ungleichgewicht in der „Work-life Balance“ beziehungsweise Koordinationsprobleme mit den Lebenswelten außerhalb des Studiums
  • • Vielen fällt der Wiedereinstieg ins „Lernen“ nach Jahren der Berufstätigkeit oder Familiengründung schwer
  • Angst vor Bewertung durch andere
  • • Mangelndes Durchhaltevermögen, allgemeine Unsicherheit und ein geringes Selbstvertrauen
  • Misserfolge
  • Bevorzugung anderer Tätigkeiten
  • Isoliertes Lernen: Es ist für manche Menschen schwierig, denn allein fällt vieles schwerer – während sich „geteiltes Anstrengen wie halbes Anstrengen“ anfühlen kann. Im Fernstudium gibt es zunächst jedoch keine direkten Kommunikationspartner, mit denen ein Austausch über Studienorganisation und -inhalte stattfinden könnte.

Wie entwickeln sich Vermeidungstendenzen? Gibt es Menschen, die besonders dazu neigen?

„Im Fernstudium ist oft zu beobachten, dass die Studierenden anfangs sehr motiviert erscheinen – selbst wenn sie ein bisschen Angst vor der neuen Herausforderung haben,“ erläutert Marc Schipper. „Zu Motivationsdefiziten und Vermeidungstendenzen kommt es dann oft erst, wenn sie über einen längeren Zeitraum keinen Kontakt zu anderen Studierenden oder Tutoren hatten. Es fehlt dann ein soziales System, in dem man sich mit seinen – studienspezifischen – Problemen weniger allein fühlt. Ein Fernstudium hat auf der einen Seite den großen Vorteil freier Gestaltung und Ortsunabhängigkeit, kann im Gegenzug aber nicht so viel direkte Interaktion bieten wie ein Präsenzstudium, bei dem täglich ein direkter Austausch mit Kommilitonen möglich ist.“

Ob es bestimmte Persönlichkeitseigenschaften unter Fernstudierenden gibt, die Vermeidungstendenzen forcieren, sei nur schwer einzuschätzen, so Marc Schipper. Menschen wiesen sehr verschiedene Bewältigungsstrategien auf, des Weiteren variiere die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren sehr. „Ein introvertierter Mensch, der eher für sich arbeitet, ist unter Umständen weniger anfällig für durch Isolation verursachte Vermeidungstendenzen als ein extrovertierter Mensch, der beim Lernen gerne kommuniziert. Andererseits kann der extrovertierte Mensch sich diese Kommunikation auch im Fernstudium einholen: etwa durch WhatsApp-Gruppen, Mailkontakte, selbständige lokale Gruppenbildung oder APOLLON Stammtischbesuche. Ein zurückhaltender Mensch könnte wiederum Probleme haben, solche Kontakte überhaupt zu suchen,“ schildert Schipper die verschiedenen Möglichkeiten. Ähnliches gelte auch für andere Faktoren: So gehen einige Menschen trotz der Mehrfachbelastung Familie, Beruf und weiteren Tätigkeiten ohne größere Vermeidungs- oder Motivationsprobleme durch das Studium, andere wiederum werden dadurch sehr gestresst. Das bedeutet auch: „Es gibt deshalb auch kein Patentrezept zur Lösung von Vermeidungsproblemen, denn sämtliche Lösungsansätze sind personen- und kontextabhängig. Grundsätzlich ist es jedoch wichtig, das Problem anzusprechen und es nicht zu verdrängen oder unter Verschluss zu halten. Leider passiert das oft, da Menschen solche Tendenzen oft als persönliche Schwäche betrachten – dabei sollte man sich klar machen: Vermeidungstendenzen sind etwas relativ normales und wenn sie früh genug angegangen werden, oft gut in den Griff zu bekommen,“ ermutigt Marc Schipper Betroffene zur Offenheit.

Wie äußert sich die Thematik üblicherweise und ab wann wird sie zum Problem?

„Im Fernstudium zeigt sich zunächst reduzierte Motivation, einhergehend mit schlechten Leistungen und einem lustlosen ,vor sich hin studieren'“, beschreibt Marc Schipper die Anfänge des Phänomens. „Später folgen Zweifel an den im Studium geforderten Fähigkeiten und eventuell auch generelle Selbstzweifel sowie ein nachlassendes Selbstwirksamkeitsgefühl.“ Was also tun, wenn es zu einer konkreten Belastung wird, die sich auch auf andere Lebensbereiche ausdehnt oder einen negativen Einfluss auf das Wohlbefinden hat? Wenn beispielsweise der Wunsch, das Studium zu absolvieren nach wie vor groß ist, aber es trotzdem nicht klappen will? Marc Schipper hat uns einige praktische Tipps verraten:

  • • Misserfolge führen zur Beeinträchtigung des Selbstwirksamkeitsgefühls – Erfolge bauen es wieder auf. Ein wohlwollendes, aufbauendes, wertschätzendes und weiterhelfendes Verhalten von Tutoren und Professoren, die hier die Motivatorrolle übernehmen, kann sehr hilfreich sein. So kann zudem die Angst vor Bewertungen verringert werden. Aber auch die Studierenden selbst können viel tun, um sich selbst zu motivieren, mehr dazu gibt es beispielsweise hier: Motivation durch Kommunikation.
  • Motivation ist gerade im Fernstudium wichtig, da sie eine maßgebliche Energiequelle darstellt. Um kleinere Motivationslöcher zu überwinden, gibt es zahlreiche praktische Tipps, wie zum Beispiel hier: 5 Tipps gegen das Motivationstief.
  • • Angst hindert uns am Lernen – deshalb ist es wichtig, Ängste abzubauen. Dabei helfen einerseits motivierende sowie verständnisvolle Lehrkräfte und Mentoren, andererseits ist dafür auch die regelmäßige Kommunikation mit anderen Studierenden wichtig.
  • • Machen Sie Ihr Fernstudium so interaktiv wie möglich: Suchen Sie Kontakt zu Kommilitonen, besuchen Sie die APOLLON Stammtische und finden Sie Kommilitonen in Ihrer Nähe. Bilden Sie Lerngruppen und sprechen Sie mit Ihren Kommilitonen über Probleme, die Sie unter Umständen mit dem Fernstudium haben.
  • • Wer in einer Sinnkrise in Bezug auf das Studium steckt, sollte reflektieren, warum er das Studium in Angriff genommen hat und wie motiviert er sich zu Beginn des Studiums fühlte. Danach sollte man die aktuelle Gefühlslage mit dem damaligen Zustand vergleichen und hinterfragen, was zu den Veränderungen geführt hat. Wer diese Fragen für sich einigermaßen konkret beantwortet hat, kommt dem Ziel die Vermeidung zu verringern schon ein ganzes Stück näher. Außerdem hat man so eine gute gedankliche Grundlage, um das Gespräch mit einer selbst gewählten Vertrauensperson an der Hochschule zu führen – beispielsweise mit dem APOLLON Studienservice.

Autorin: Hayat Issa